Bevor ich jemals etwas von Minimal Music und Steve Reich höre, bin ich Kind und verbringe den Sommerurlaub in Frankreich. In einem überdachten Halbkeller packt jemand seine Gitarre aus und singt mit einer Horde begeisterter Kinder. Verzaubert von der Musik und gleichzeitig schüchtern stehe ich am Rand und spüre einen Zusammenhalt mit den Kindern, obwohl es keine gemeinsame Sprache gibt. Schnell hole ich meinen Rekorder aus der Ferienwohnung und nehme alle Lieder auf, um dieses Gefühl für immer zu bewahren. Bis zum Winter höre ich jeden Abend die Lieder und phantasiere mich in eine andere Welt, in der ich den Zusammenhalt mit fremden Menschen durch Musik erlebe. Ich fühle, dass mich Musik für immer tröstend umhüllen kann und fange an, mir das Gitarre spielen beizubringen, und wenige Jahre später wechsle ich zur E Gitarre.
Als Jugendliche jogge ich im Wald. Dabei atme ich zwei oder drei oder vier mal ein, und experimentiere damit, die Zahl meiner Schritte mit meiner Atmung zu verzahnen. Schon immer liebe ich Zahlen, die ich schon immer als Farben sehe. Im Wald, geschützt unter Bäumen, erfahre ich eine ganze Jugendzeit, was es heisst, Rhythmus zu spüren. Und erforsche zunehmend die rhythmischen Facetten in der Musik.
Nach dem Abitur ziehe ich von meinem hessischen Dorf am Wald nach Berlin und studiere Politikwissenschaften. Ich will eine geldzentrierte Welt verändern. Ich gehe nicht mehr joggen, weil das auf Pflastersteinen keinen Spass macht. Stattdessen trommle ich auf Bongos und Congas und entdecke dabei Tito Puente, Mongo Santamaria und Kip Hanrahan.
1989 fahre ich das erste Mal nach Kuba und erfahre auf den Strassen Havannas die herrliche Magie afrokubanischer Musik durch die Verzahnung der traditionellen synkopierten Rhythmen. Ich habe das Glück, in Havanna die „Väter“ des Buena Vista Social Club kennenzulernen. Im Teatro Garcia Lorca begleiteten sie die Proben des kubanischen Nationalballetts. Einen ganzen Monat lang darf ich täglich bei den Proben dabei sein und mitspielen. Ich besuche unzählige Konzerte, so etwa das Jazzfestival mit Gonzalo Rubalcaba. Auf der „Plaza de la Revolucion“ erlebe ich Silvio Rodriguez, im „Teatro Carlo Marx“ den Trompeter Arturo Sandoval und natürlich auch Los Van Van. In Kuba spüre ich beim Trommeln die Energie und Freude beim exakten Spielen kleinster Zeiteinheiten in verschiedenen Tempi und tauche auf vielen weiteren Kubareisen tief in die Tradition afrokubanischer Rhythmen ein.
Viele Jahre und ein Schlagzeugstudium später reise ich mit meinem zweijährigen Sohn auf die kanarischen Inseln. Ich packe ein kleines Kinderglockenspiel ein, ohne zu wissen, wie ich damit MEINE Musik mache. In einem kinderfreien Augenblick hole ich das Kinderinstrument aus der Tasche und blicke auf Bananenstauden und bunte Riesenblüten. Plötzlich denke ich an Zahlen, die ich noch immer in den gleichen Farben wie in meiner Kindheit sehe. Meine Hände beginnen wie beim Schlagzeug unterschiedliche Metren zu spielen. Immerhin habe ich 13 Töne zur Auswahl. Mit beiden Händen spiele ich eine Melodie aus durchgehenden Achteln. Dabei betone ich mit der rechten Hand jeden 3. Melodieton und mit der linken gleichzeitig jeden 4. Wenn ich nur die Akzente spiele, höre ich drei langsamere Töne zeitgleich gegen vier schnellere. Über mir sind Palmen und in der Ferne glitzert das türkisfarbene Meer und ich spüre meinen ruhigen Atem. Die Schläge auf dem Glockenspiel erzeugen Rhythmen, deren weiche Obertöne sich mit der Schönheit um mich herum vereinen. Wie beim Joggen unter Bäumen sind es die Zahlen, mit denen ich jeden Rhythmus in eine Struktur einhülle und die Bewegung der Schlegel gleichen dem Schwingen der Gitarrensaiten meiner Kindheit.